Singen und nachdenken

Nach einem schönen gemeinsamen Frühstück und einem erneut vollkommen unproblematischen Grenzübergang wurden wir (leider im Stau) nach Jerusalem gefahren. 

Diesen misslichen Umstand konnte uns Prof. Rösel jedoch auf unterhaltsame Weise versüßen. Er trug uns erneut einen Auszug aus den Geschichten und Ansichten eines Mecklenburger Pastors vor. Dieser bereiste mit einer kirchlichen Reisegruppe, unter der auch eine Diakonisse aus Ludwigslust war, 1914 Jerusalem und schilderte diesen Besuch in zum Teil lustiger aber auch in überaus zweifelhafter Weise. Interessanterweise hatte aber auch die Diakonisse einen Bericht über die Erlebnisse geschrieben, so dass das gleiche Ereignis auf ganz unterschiedliche Weise präsentiert wurde.
Völlig unerwartet war der heftige Regen, der an diesem Morgen niederging; mit solchen Wassermengen hätte niemand in dieser Wüstenregion gerechnet. Hinterher wirkte der Himmel über Jerusalem wie frisch gereinigt. Was für die Touristen ein Ärgernis sein mochte, ist für die Einheimischen ein Segen; das frische Grün der Natur leuchtete zwischen den weißen Mauern Jerusalems hervor.
Dann probten wir zum ersten Mal in der Erlöserkirche. Schon bei diesem ersten Versuch war unser Kantor recht zufrieden. Überraschte Passanten hörten beim Gang über den arabischen Markt die ganz ungewohnten Klänge des Chores und blieben überrascht stehen, um zuzuhören. Bereits nach wenigen Tagen bemerkte man wieder den besonderen Klang, wie er sonst nur auf Singwanderungen entsteht. Am Ende begleitete sogar ein Muezzin unsere Probe, was uns nur wenig ablenkte. 
Ein tolles Mittagessen für uns fünfzig Reisende wurde im Handumdrehen und mitten in Jerusalem blitzschnell organisiert.
Von dort fuhren wir durch die Neustadt nach Yad Vashem. Auch die Neustadt war im 19. Jahrhundert durch Flüchtlinge entstanden, die sich vor Verfolgung nach Israel retteten. 
Laut Wikipedia ist Yad Vashem die „Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust“. 
Richtig ist aber, dass es sich um die Erinnerung und den Versuch handelt, allen in der Nazizeit ermordeten und verfolgten Juden einen Namen und Platz in der Geschichte zu geben.
Wir  teilten uns in zwei Altersgruppen, in denen wir durch die Gedenkstätte geführt wurden. Ein besonderes Bild gleich am Eingang war eine Szene mit zwei jungen Soldatinnen, die auf dem Boden saßen, konzentriert ein Buch lasen und dabei ihre Waffen eng bei sich hielten.
Chronologisch wurden uns in der Ausstellung der allmähliche Verlust der Mit­mensch­lich­keit und die Entstehung des Hasses bis zum Holocaust vor Augen geführt.
Auch der aktuelle Bezug zu Einreisequoten, Flüchtlingscamps und nationalen Lösungen wurde  schnell erkennbar.
Der atemberaubende optische und visuelle Eindruck der Ausstellung, deren Auslöser das schwärzeste Kapitel der deutschen Geschichte war, wurde für die Jüngeren leider durch Knacken in ihren Kopfhörern beeinträchtigt. 
Die überragende Anlage machte mit ihrer symbolhaltigen Architektur deutlich, wie vielfältig die Verluste sind, die das Judentum durch den Holocaust erlitten hat. Die besondere Art der Ausstellung, gerade an diesem Ort, bot beeindruckende Rück,- Ein- und Ausblicke und hinterließ viel Betroffenheit.
Der Rundgang endete unter einem dreidimensionalen, von nur 5 Kerzen und vielen Spiegeln erhellten Sternenhimmel, mit dem der vielen verlorenen Kinder symbolisch gedacht wurde. In verschiedenen Sprachen wurden Namen, Alter und Herkunft der Kinder verlesen.
Zur Nacht, und nachdem neben unserem Kantor auch der Küchenchef Johannes wieder dirigierte, hatten wir erneut die Möglichkeit des intensiven Austausches über diesen eindrucksvollen Tag in Jerusalem. Jeder und jede einzelne nutzte die Möglichkeit, in der großen Runde die eigenen Gedanken zu den Erlebnissen des Tages zu äußern. Für alle war es ein unvergesslicher Eindruck, der uns lange nicht loslassen wird.
Von Helene und Stefan